Ullrich
Sierau: Ich nehme die Wahl zum Oberbürgermeister der Stadt Dortmund
an
Der designierte Oberbürgermeister
der Stadt Dortmund, Stadtdirektor Ullrich Sierau, gibt zu seiner Wahl und
zu der derzeitigen öffentlichen Debatte folgende persönliche
Erklärung ab:
Schwere Tage und Stunden
liegen hinter meiner Familie und mir. Nie zuvor in meinem beruflichen oder
privaten Leben sah ich mich solch vehementen Angriffen auf meine persönliche
Glaubwürdigkeit und Integrität ausgesetzt. Dies bedurfte einer
"Auszeit", die ich mir übers Wochenende mit meiner Familie genommen
habe. Die Ankündigung des Nachdenkens in den Medien führte zu
einer überwältigenden Anteilnahme aus der Öffentlichkeit
und aus meinem persönlichen Umfeld. Hierfür danke ich von ganzem
Herzen.
Die Kernfragen für viele
Menschen stellen sich wie folgt:
"Was wusste ‚der Sierau’
vor der Wahl von der Haushaltslage und war er an der ‚Offenlage’ der Haushaltssituation
am Tag nach der Wahl beteiligt?"
Und im Nachgang zu meinen
öffentlichen Aussagen:
"Wie kann es sein, dass er
als Stadtdirektor ‚Nichts wusste’ bzw. unmittelbar eingebunden war. Dann
kann der doch kein guter Stadtdirektor und schon gar kein guter Oberbürgermeister
sein!“
Was ist der Sachverhalt?
Der gegenwärtige Doppelhaushalt
2008 / 2009 wurde im Dezember 2007 durch den Rat der Stadt Dortmund verabschiedet.
Damals war die Lehmann Brothers Pleite und die sich daraus ergebende Finanz-
und Wirtschaftskrise nicht absehbar.
Jeder Haushalt ist bei seiner
Aufstellung mit Risiken behaftet. Das ist wie bei einer Firma oder auch
beim Privathaushalt: Man kann sich nie ganz sicher sein, dass der Plan
hält, dass Einnahmen sprudeln und nicht Unvorhergesehenes plötzlich
neue Ausgaben erfordert. Dennoch ist es in den letzten drei Jahren 2006,
2007 und 2008 trotz widriger Umstände und auch trotz widriger Prognosen
bis weit ins jeweilige Jahr hinein immer wieder gelungen, den Haushalt
"quitt" zu stellen. Mit anderen Worten, erst am Ende des Jahres bzw. erst
zum Zeitpunkt des Haushaltsabschlusses im Frühjahr des Folgejahres
wird klar, ob der Plan gepasst hat.
Erlaubt sei der Hinweis,
dass die Dortmunder Haushaltslage auch aktuell von umliegenden Kämmerern
noch als relativ solide eingeschätzt wird. Jüngst bekannt gewordene
Daten zu Bochum, Duisburg oder Hagen oder auch ganz aktuell zu Essen, Krefeld
und Wuppertal verdeutlichen diese Einschätzung. Alle Kommunen leiden
unter der strukturellen Unterfinanzierung. Es werden Aufgaben zugewiesen
durch Landes-, Bundes- oder europäische Ebene, für die aber die
kommunale Finanzausstattung nicht mitgeliefert wird.
In NRW kommt hinzu, dass
den Kommunen durch die Landesregierung in den letzten Jahren kontinuierlich
Mittel entzogen worden sind. Aktuell diskutiertes Beispiel: die verweigerte
Rückzahlung der überzahlten Solidaritätszuschlags-Ost Mittel.
Obwohl der Verfassungsgerichtshof in Münster Ende 2007 den Kommunen
den Rechtsanspruch auf die zu viel gezahlten Beträge zugestanden hat,
zahlt das Land NRW nicht.
Für Dortmund heißt
das: Von den zustehenden ca. 80 Mio. Euro fehlen noch ca. 52 Mio. Euro,
die das Land zurückzahlen muss. Aktuell sind von diesen 52 Mio. Euro
11,5 Mio. Euro als Einnahmen im Haushalt veranschlagt. Sie sind somit Teil
der Mindereinnahmen 2009, wenn das Land NRW nicht zahlt.
Was habe ich wann wovon gewusst?
Als Stadtdirektor habe ich natürlich an den Haupt- und Finanzausschusssitzungen
teilgenommen. Hier hat die Kämmerin am 07. Mai 2009 einen Sachstandsbericht
gegeben. Dieser wurde zwischen den Fraktionen diskutiert. Zwar wurden Risiken
erörtert, aber eine unbeherrschbare Situation schien sich nicht anzubahnen
(siehe Niederschrift). Dieser Einschätzung bin auch ich gefolgt.
Nun zum 5.Juni 2009. Dieser
Termin ist ja insbesondere über die politische Diskussion und durch
die Medienberichterstattung hochstilisiert worden zu dem Tag, an dem ich
von einem umfassenden Haushaltsloch in der auf der PK am 31. August 2009
genannten Größenordnung erfahren haben soll. Richtig ist, dass
dieser Termin unter Beteiligung der Kämmerin und des Oberbürgermeisters
stattgefunden hat. Es war eine sogenannte Eckwerteverabredung, in der hauptsächlich
erörtert wurde, wann die Haushaltsberatungen für das Jahr 2010
geführt bzw. begonnen werden sollen.
Ich habe nur kurz an dem
Termin teilgenommen. In meiner Gegenwart wurde die bereits gefallene Entscheidung
reflektiert, die Beratungen im September 2009 beginnen zu lassen, um dann
angesichts genauerer bzw. belastbarerer Wirtschaftsdaten mehr Klarheit
zu haben.
Die seitens der Kämmerei
zur Vorbereitung gelieferten Prognosezahlen für das Jahr 2009 spielten
in meiner Anwesenheit keine Rolle. Für mich galt ohnehin weiterhin
die Darstellung der Kämmerin in der HFA- Sitzung vom 7. Mai 2009.
Natürlich muss ein Stadtdirektor
über die Haushaltslage im Bilde sein – dem Grundsatz nach und auch
im Hinblick auf Risiken. Er ist hierbei allerdings auf die Information
durch die Kämmerei bzw. die Kämmerin / den Kämmerer angewiesen.
Nach der Gemeindeordnung hat der Kämmerer/ die Kämmerin eine
herausgehobene Position im Verwaltungsvorstand. Damit ist eine hohe Verantwortung
und auch eine herausgehobene Vertrauensstellung verbunden. Es ist insofern
dem Kämmerer bzw. der Kämmerin übertragen, je nach Lage
des Haushaltes andere Mitglieder des Verwaltungsvorstandes zu unterrichten
oder eben auch nicht. So kann etwa eine Haushaltssperre ohne vorherige
Information der anderen Vorstandsmitglieder erlassen werden.
Genau die ist am 31. August
2009 verkündet worden, ohne vorherige Information. Auch nach der Ankündigung
der HH-Sperre auf der Pressekonferenz wurde ich nicht unterrichtet. Ich
habe von der Sperre aus dem Autoradio erfahren. Die in diesem Zusammenhang
genannten Beträge - Erwirtschaftung von 80 - 100 Mio. Euro - wurden
mir im Rahmen eines Radiointerviews durch den interviewenden Journalisten
genannt.
Meine Nachfragen bei der
Kämmerin am 31. August 2009 abends, am 1. September 2009 vormittags
und am 2. September 2009 mittags haben kein vollständiges Zahlenwerk
ergeben. Das erachte ich als Zumutung. Daher ist mein Vertrauen in die
Kämmerin nachhaltig erschüttert.
Um es nochmals ganz klar
zu sagen: Ich habe von der Situation im August 2009, von den Gesprächen
zwischen Kämmerin und Oberbürgermeister und der dort erörterten
– tatsächlichen oder vermeintlichen - Eskalation der Haushaltszahlen
keine Kenntnis gehabt. Die jüngste Vorlage der Verwaltung an den Haupt-
und Finanzausschuss vom 10.09.09 belegt auch, dass die Mehrausgaben gedeckt
werden können. Risiken auf der Einnahmeseite sind nach dem gegenwärtigen
Stand vorhanden aber wohl in den Griff zu bekommen. Das sogenannte Haushaltsloch
beziffert sich demnach auf ca. 20 - 30 Mio. Euro.
Das hätte meines Erachtens
schon auf der Pressekonferenz am 31. August 2009 verdeutlicht werden müssen.
Ich bin empört darüber, dass offenkundig eine Pressekonferenz
zum Thema Haushaltssperre durchgeführt worden ist, ohne dass den anwesenden
Medienvertretern/-treterinnen eine plausible und transparente „Zahlenwelt“
präsentiert werden konnte. Erst aufgrund dieses unglaublichen handwerklichen
Mangels ist es offensichtlich zu der objektiv unzutreffenden Kommunikation
über ein angebliches Haushaltsloch im Umfang von ca. 100 Mio Euro
gekommen. Eine derartige Leichtfertigkeit im Umgang mit Sachverhalten und
im Umgang mit Medien und Öffentlichkeit ist unfassbar. Sowohl dem
demokratischen System als auch dem Ansehen der Stadt Dortmund ist damit
ein unermesslicher Schaden zugefügt worden.
Ich wurde als Stadtdirektor
und als gerade gewählter Oberbürgermeister der Stadt Dortmund
in unerträglicher Weise brüskiert. Dadurch bin ich in eine unhaltbare
menschliche Lage gebracht worden. Hatte ich im Wahlkampf für Transparenz,
Glaubwürdigkeit und Bürgernähe geworben, so war und bin
ich in Teilen der Öffentlichkeit als Teil eines unglaubwürdigen
Systems abgestempelt. Meine persönliche Glaubwürdigkeit, meine
Familie und mein Freundeskreis sind unter der Überschrift „Wahlbetrug“
einer beispiellosen Kampagne ausgesetzt. Politische Konkurrenz ist im Rahmen
des Bundestagswahlkampfes durch dieses beispiellose und fahrlässige
Verhalten eingeladen worden, ihr wahltaktisch motiviertes Süppchen
zu kochen. Zumindest das scheinen die Menschen aber zunehmend zu durchschauen,
wie mir viele Gespräche und Rückmeldungen der letzten Tage gezeigt
haben.
Dieser Vorgang muss gravierende
Konsequenzen haben. Ich habe nach der Pressekonferenz innerhalb der Verwaltung
darauf gedrungen, eine belastbare und transparente „Zahlenwelt“ vorzulegen.
Ich habe auf Information der Bezirksregierung Arnsberg gedrungen und persönlich
mit dem Regierungspräsidenten telefoniert, um verloren gegangenes
Vertrauen wieder herzustellen bzw. einem weiteren Vertrauensverlust vorzubeugen.
Ich habe für die Aufstellung einer Nachtragshaushaltssatzung sowohl
innerhalb der Verwaltung als auch gegenüber der Politik geworben,
wo das notwendig war.
Die Gebote der Stunde und
für alle Ewigkeit lauten: Transparenz, Offenheit, Haushaltswahrheit
und Haushaltsklarheit, Kooperation mit der Bezirksregierung in Arnsberg,
verbesserte Finanzausstattung der kommunalen Ebene und eine vertrauensvolle
Zusammenarbeit mit der Personalvertretung.
Wir brauchen in Dortmund
eine neue politische Kultur, wir brauchen einen Systemwechsel auch im Umgang
miteinander. Dieser Schock sollte gemeinsam verarbeitet werden.
Ich persönlich würde
mich über eine Entschuldigung manch eines Akteurs freuen, der entweder
unkorrekt berichtet hat oder mich persönlich ohne Kenntnis der Hintergründe
verunglimpft hat. Auch meine Familie fände das ehrenhaft.
Was hier als „Betrug“ bezeichnet
wird, ist m.E. nicht justitiabel. Das muss durch die verschiedenen Instanzen
des Rates bzw. vor Gericht geprüft werden.
Aber die Stadt, die Wählerinnen
und Wähler, haben auch einen Anspruch darauf, dass der mit deutlichen
Vorsprung gewählte Oberbürgermeister antritt, in die Hände
spuckt und an die Arbeit geht. Dabei wird die Aufklärung aller Vorwürfe
an erster Stelle stehen. Als gewählter OB bin ich bereit, dass drohende
Wahlanfechtungsverfahren durchzustehen. Ich habe nichts verbrochen und
habe ein reines Gewissen.
Ich nehme die Wahl an, weil
ich im Wahlkampf erklärt habe, mit Leidenschaft für diese Stadt
und ihre Menschen kämpfen zu wollen. Das muss für jede Lage gelten,
gerade in schwierigen Zeiten, auch wenn die Lage ernst ist. Ich trete ein
für Bürgernähe, für Transparenz und für Offenheit,
für eine neue politische Kultur. Das gefällt den Menschen, das
wollen die Menschen, darum haben sie mich gewählt. Ich habe Sie nicht
betrogen. Und ich werde alles daran setzen, verlorenes Vertrauen zurückzuerlangen.
Denn ich sage in aller Deutlichkeit:
Ich hätte anders gehandelt. Wäre ich bereits am 11. August 2009
Oberbürgermeister dieser Stadt gewesen, dann wäre ich dem Vorschlag
der Kämmerei bzw. der Kämmerin gefolgt und hätte dem unmittelbaren
Inkrafttreten einer Haushaltssperre und der Aufstellung einer Nachtragshaushaltssatzung
zugestimmt. Die Menschen in diesen Stadt können sehr gut mit der Wahrheit
umgehen. Ich hätte auch unmittelbar den Kontakt zum Rat der Stadt
Dortmund und zur Bezirksregierung Arnsberg hergestellt bzw. herstellen
lassen, um endlich eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu ermöglichen.
Ich habe es immer wieder
gesagt: Ich möchte als Oberbürgermeister so arbeiten, dass sich
die Menschen darin wieder erkennen, dass Sie das klare Gefühl haben:
Der macht das so, wie wir es wollen und wie wir es auch machen würden.
Dass sie sagen können:
Wir sind OB.
Und deshalb trete ich das
Amt an.
„Glückauf und an die
Arbeit !!!“
Ullrich Sierau
P.S. Die Wahrheit ist eine
Tochter der Zeit.
Kontakt: Udo
Bullerdieck, Tel. 0231/ 50 - 2 53 47
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